Zurück zur Auswahl Wort zum Sonntag Hr. Pfarrer Dr. Tadeusz Pyzdek

2. Fastensonntag „B“ Zu Gen 22,1‑2.9a.10‑13.15‑18; Mk 9, 2‑10

Sie ist wohl eine der anstößigsten Erzählungen der Bibel, diese Geschichte von der Opferung des Isaak, die wir in der heutigen ersten Lesung gehört haben. Was sollen wir von so einem Gott halten, der blutrünstig Menschenopfer fordert. Die Tatsache, dass es nicht wirklich zum Menschenopfer kommt, das ganze „nur“ eine Prüfung ist, ist nur ein schwacher Trost. Was sollen wir von einem Gott halten, der den Menschen auf so grausame Weise prüft. Wie sollen wir einen Gott ernst nehmen, der blufft und zynisch mit dem Vertrauen von Menschen spielt? Nein. Mit so einem Gott können wir nichts anfangen und wollen wir nichts zu tun haben. „Um Gottes willen“ also bitte weg mit dieser Geschichte!

Halten wir zunächst einen Rückblick auf das Leben Abrahams bis zu diesem Tag. Aufbruch und Neubeginn sind die Schlüsselworte seines Daseins: Nicht nur, dass er in jüngeren Jahren seine Heimat Ur in Chaldäa verließ, um ins Land Kanaan zu ziehen; seine späte Vaterschaft bedeutete ganz gewiss einen nicht geringeren Aufbruch, wenn auch im übertragenen Sinn. Sein Wagemut lohnte sich für ihn; er vertraute auf Gott, und der hielt sich an seine Voraussagen und Verheißungen. Es ging Abraham gut im Glauben an diesen einen Gott. Auf ihn, der ihn begleitet und geführt und gesegnet hat, auf den ist Verlass. Abraham ist bereit, ihm alles zu geben. Er hat das Bild von einem Gott, der jedes Opfer rechtfertigt.

Um diese Geschichte richtig zu begreifen, kann uns helfen, wenn wir uns fragen: Welchem Gottesbild will Abraham seinen Sohn opfern? Gott oder dem Bild von Gott, das er sich in seiner endlos langen Lebenserfahrung erworben hat? Natürlich sind wir gewohnt zu sagen: Er will Gott ein Opfer bringen. Doch Gott offenbart sich im Laufe des Geschehens als ein anderer. Er will das grausame Opfer nicht. Dabei ändert sich nicht Gott selbst, sondern Abrahams Gottesbild: Er ist ein Gott der Lebenden, nicht der Toten; er will ein gottgefälliges Leben, nicht ein gottgefälliges Sterben. Isaak soll nicht der fragwürdigen Gottesvorstellung seines Vaters zum Opfer fallen.

Das ganze Geschehen um Abraham und seinen Sohn Isaak ist also überraschend modern. Besonders, wenn es um den Hinweis geht, dass manche Vorstellungen von Gott, die wir als „heilig“ betrachten, unzutreffend sind. Manche unserer lieb gewordenen Bilder und Vorstellungen von Gott bedürfen der Erneuerung. Auch unsere Vorstellung von Jesus bedarf einer Erneuerung. Deshalb nimmt uns die heutige Szene aus dem Markusevangelium mit in die Einsamkeit eines Berges. Die Szene der Verklärung auf dem Berg offenbart Jesus als den Sohn Gottes. Jesus ist nicht nur unser Freund und Bruder. Er ist nicht nur ein Prophet oder Gründer einer neuen Religion. Er ist der geliebte Sohn Gottes. Ihm werden alle Macht und Kraft und die endgültige Königsherrschaft verliehen werden.

Bei der Bezeichnung „Sohn Gottes“ handelt es sich zweifellos um den höchsten Titel, der Jesus zukommt. Er ist als Gottessohn die höchste Autorität und hat die größte Kompetenz. „Ihn hört!“ ‑ das ist die einfache Konsequenz daraus. Eine Lebensaufgabe. Schon die Jünger hatten ihre Schwierigkeit damit. Petrus, Jakobus und Johannes waren mit dem Gipfelerlebnis anscheinend überfordert. Petrus wusste nichts anderes zu sagen als: „Hier ist gut sein. Wir wollen Hütten bauen.“ Sie verstanden den Weg Jesu nicht, der durch Tod und Auferstehung führen sollte. Aber sie nahmen die Gipfelerfahrung des Lichtes mit, gerade auch für die tiefen Zeiten in Dunkelheit.

Unser Leben verläuft meist in den Niederungen des Alltags, wir sind den Gesetzen der Umgebung unterworfen, der eigenen Trägheit und Schwerkraft und der der anderen. Darum brauchen wir Erhebung. Es ist eigentlich völlig belanglos, wo sich der Berg „Tabor“ auf der geographischen Karte befindet, man muss nicht ins Heilige Land fahren, um ihn zu finden. Denn „Berge“ und „Höhen“ gibt es bereits in unserem Alltag, befreiende Erlebnisse, Herzenserweiterungen, heilende Momente, bestandene Prüfungen. Die Frage ist, ob wir dafür offen sind und ob wir solche Erfahrungen im Herzen bewahren.

Wenn wir Opfergaben zum Altar bringen, dann muss uns dies zu Herzen gehen und wir müssen uns eingestehen, dass wir schwach und träge sind, dass wir oft eine falsche Vorstellung von Gott und Jesus haben. Bringen wir dieses Geständnis vor Gott. Es vollzieht sich ein wunderbarer Tausch. Christus selbst gibt sich uns im Brot, damit unser Leben gelingen kann. Er selbst gibt sich uns im Wein, damit wir Freude haben an unserem Tun.

Hier am Altar erfahren wir nämlich, dass wir mehr sein können, als nur die Opfer der Umstände. Hier in dieser Messe erfahren wir, dass wir zur Herzensweite, zur Freiheit, zum Glück geboren sind. Wir alle tragen etwas Himmel in uns selbst. Die Feier der Eucharistie, die eine Vergegenwärtigung des letzten Abendmahls ist, zeigt, dass es möglich ist, mitten im Leben Gott zu begegnen. Nur diese Begegnung mit Gott, die uns die Eucharistie anbietet, kann uns helfen die Krisen und Katastrophen, Leid und Finsternis in unserem Leben zu ertragen.

Predigt von Pfarrer Dr. Tadeusz Pyzdek

NACH OBEN